Andacht für Sonntag Lätare 22.03.2020 (statt Gottesdienst)

Da wir aktuell keine Gottesdienste in unserer St. Nikolauskirche feiern können bzw. dürfen, sind alle Mitglieder und Freunde unserer Gemeinde eingeladen, zur Gottesdienstzeit um 9:30 Uhr oder zu einem anderen Zeitpunkt folgende Andacht für sich oder mit Familienmitgliedern zu halten – im Bewußtsein, dass auch andere beten und wir als Geschwister im Glauben verbunden sind, auch wenn wir uns momentan nicht persönlich treffen können.

 

Evangelisches Gesangbuch (EG) 637 „Von guten Mächten“

1. Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar,

so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Kehrvers:

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

2. Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last.

Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Kehrvers

3. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,

so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.

Kehrvers

4. Doch willst du uns noch einmal Freude schenken an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,

dann wolln wir des Vergangenen gedenken, und dann gehört dir unser Leben ganz.

Kehrvers

5. Lass warm und hell die Kerzen heute flammen, die du in unsre Dunkelheit gebracht,

führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Kehrvers

6. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang

der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Kehrvers

 

Psalmgebet: Psalm 121 (EG 786)

Leitvers: Deine Seele behütet der Herr, er bewahrt dein Leben.

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?

Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.

Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.

Der Herr behütet dich; der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand,

dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.

Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.

Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

 

Gedanken zu Amos 3,6

Heute möchte ich Euch bewußt ansprechen: Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

wir erleben gerade eine ganz und gar ungewöhnliche Zeit. Ein Virus stellt alles auf den Kopf. Etliche haben Angst; sie ist an vielen Orten für mich deutlich spürbar. Manche schieben regelrecht Panik, was sich unter anderem an den Hamsterkäufen zeigt.

Wo ist da Gott? Beim Nachdenken und Meditieren kam mir eine Bibelstelle in den Sinn, ja, hat sich mir geradezu aufgedrängt:

„Geschieht etwa ein Unglück in der Stadt, und der Herr hat es nicht getan?“ (Am 3,6)

Dieses Bibelwort verstört im ersten Moment. Steckt Gott hinter dem Unglück, das wir gerade erleben? Um das recht einordnen zu können, mache ich mir zunächst bewußt: Es gibt in dieser Welt nie völlig eindeutige Bewertungen: In jedem Guten steckt auch Schlechtes und in jedem Schlechten auch Gutes. Nur weil es mir persönlich oder uns als Gemeinschaft nicht gefällt, heißt das nicht, daß es sinnlos wäre. Da muß ich erstmal schlucken und mein Ego zurückhalten. Wenn Gott „alles in allem ist“, wie Paulus es in 1. Kor 15,28 formuliert, bzw. „der da wirkt alles in allem“ (1. Kor. 12,6), umfaßt er Gut und Böse, Licht und Schatten. Dann dürfen wir nicht nur das Schöne und Freudige, sondern müssen auch das Leidvolle und Schwere mit Gott in Verbindung bringen. In Anlehnung an ein Zitat Goethes könnte man sagen: „Die Viren (ursprünglich: Flöhe) und die Wanzen gehören auch zum Ganzen“. Alles gehört zusammen, alles ist miteinander vernetzt. Wobei ich davon überzeugt bin, daß alles, was passiert, nicht aus einem Haß Gottes auf die Welt oder aus einer schwarzen Pädagogik geschieht, sondern im Gegenteil aus der Liebe Gottes – und damit meine ich keine sadistische Liebe, sondern die höchste Liebe, die alles und jeden sieht, die mit allem verbunden ist, die alles umhüllt.

Unter den Medizinern und Forschern wird fieberhaft untersucht, woher das Virus kommt und wie es bekämpft werden kann. Das hat natürlich seine Berechtigung. Gleichzeitig möchte ich den Blick auch in eine andere Richtung lenken, nämlich auf die Frage: Welchen Sinn könnte das ganze Geschehen für uns haben? Im Sinne von Viktor E. Frankl, einen KZ-Überlebenden und Begründer der Logotherapie, der sinngemäß schrieb: Es ist nicht an uns, Fragen an das Leben zu stellen. Das Leben stellt Fragen an uns, nämlich: Wie deutest du das, was dir begegnet und dir geschieht?

Auf die religiöse Ebene und auf unsere aktuelle Situation übertragen heißt das: Es ist nicht an uns, Gott Fragen zu stellen, sondern Gott fragt uns: Wie deutest du diese Epidemie? Welche Schlüsse ziehst du daraus? Was läßt sich daraus lernen, was müsste sich ändern?

Dazu ein paar Anregungen:

Es könnte sein, dass in Italiens Häfen die Schiffe für die nächste Zeit brach liegen, … es kann aber auch sein, dass sich Delfine und andere Meereslebewesen endlich ihren natürlichen Lebensraum zurückzuholen dürfen. Delfine werden in Italiens Häfen gesichtet, die Fische schwimmen wieder in Venedigs Kanälen!

Es könnte sein, dass sich Menschen in ihren Häusern und Wohnungen eingesperrt fühlen, … es kann aber auch sein, dass sie endlich wieder miteinander singen, sich gegenseitig helfen und seit langem wieder ein Gemeinschaftsgefühl erleben. Menschen spielen miteinander! Wunderbar!

Es könnte sein, dass die Einschränkung des Flugverkehrs für viele eine Freiheitsberaubung bedeutet und berufliche Einschränkungen mit sich bringt, … es kann aber auch sein, dass die Erde aufatmet, der Himmel an Farbenkraft gewinnt und Kinder in China zum ersten Mal in ihrem Leben den blauen Himmel erblicken. Sieh dir heute selbst den Himmel an, wie ruhig und blau er geworden ist!

Es könnte sein, dass die Schließung von Kindergärten und Schulen für viele Eltern eine immense Herausforderung bedeutet, …es kann aber auch sein, dass viele Kinder seit langem die Chance bekommen, endlich selbst kreativ zu werden, selbstbestimmter zu handeln und langsamer zu machen. Und auch Eltern ihre Kinder auf einer neuen Ebene kennenlernen dürfen.

Es könnte sein, dass unsere Wirtschaft einen ungeheuren Schaden erleidet, … es kann aber auch sein, dass wir endlich erkennen, was wirklich wichtig ist in unserem Leben und dass ständiges Wachstum eine absurde Idee der Konsumgesellschaft ist. Wir sind zu Marionetten der Wirtschaft geworden. Es wurde Zeit zu spüren, wie wenig wir eigentlich tatsächlich brauchen.

Es könnte sein, dass dich das auf irgendeine Art und Weise überfordert, … es kann aber auch sein, dass du spürst, dass in dieser Krise die Chance für einen längst überfälligen Wandel liegt,

– der die Erde aufatmen lässt,

– die Kinder mit längst vergessenen Werten in Kontakt bringt,

– unsere Gesellschaft enorm entschleunigt,

– die Geburtsstunde für eine neue Form des Miteinanders sein kann,

– der Müllberge zumindest einmal für die nächsten Wochen reduziert,

– und uns zeigt, wie schnell unsere Erde bereit ist, ihre Regeneration einzuläuten, wenn wir Menschen Rücksicht auf sie nehmen und sie wieder atmen lassen.

Es könnte sein, daß uns Gott wachrüttelt, weil wir nicht bereit waren es selbst zu tun. Denn er möchte, daß wir Zukunft haben, wir und unsere Kinder und Enkel, ja die ganze Welt!!!

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Gebet

Angelehnt an ein Gebet der Communität am Schwanberg zur Corona-Krise verbinden wir uns zum Gebet in Liebe und Solidarität:

In dieser Zeit der Verunsicherung und der Angst beten wir zu Dir, Gott des Lebens,

wir denken an alle Erkrankten und bitten um Trost und Heilung.
Sei den Leidenden nahe, besonders den Sterbenden.
Tröste jene, die jetzt trauern.

Schenke den Ärzten und Forschern Weisheit und Energie,
allen Krankenschwestern und Pflegern Kraft in dieser extremen Belastung,
den Politikern und Mitarbeitern der Gesundheitsämter Besonnenheit und Maß.

Wir beten für alle, die in Panik sind, Alle, die von Angst überwältigt sind,
um Frieden inmitten des Sturms, um klare Sicht.
Wir beten für alle, die großen materiellen Schaden haben oder befürchten.

Guter Gott, wir bringen Dir alle, die in Quarantäne sein müssen, sich einsam fühlen, niemanden umarmen können. Berühre Du ihre Herzen mit Deiner sanften Gegenwart.

Wir beten, dass diese Epidemie abschwillt, dass die Zahlen zurückgehen, dass Normalität wieder einkehren kann.

Mach uns dankbar für jeden Tag in Gesundheit.
Lass uns nie vergessen, dass das Leben ein Geschenk ist,
dass wir irgendwann sterben werden und nicht alles kontrollieren können,
dass Du allein ewig bist,
dass im Leben so vieles unwichtig ist, was oft so laut daherkommt.
Mach uns dankbar für so vieles, was wir ohne Krisenzeiten so schnell übersehen.
Wir vertrauen Dir. Amen.

Vater unser im Himmel…..

 

EG 171 „Bewahre uns Gott“

1. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns auf unsern Wegen.

Sei Quelle und Brot in Wüstennot, sei um uns mit deinem Segen,

sei Quelle und Brot in Wüstennot, sei um uns mit deinem Segen.

2. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns in allem Leiden.

Voll Wärme und Licht im Angesicht, sei nahe in schweren Zeiten,

voll Wärme und Licht im Angesicht, sei nahe in schweren Zeiten.

3. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns vor allem Bösen.

Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns, uns zu erlösen,

sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns, uns zu erlösen.

4. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns durch deinen Segen.

Dein Heiliger Geist, der Leben verheißt, sei um uns auf unsern Wegen,

dein Heiliger Geist, der Leben verheißt, sei um uns auf unsern Wegen.

 

Segenswunsch

Es segne und behüte uns der allgegenwärtige und liebende Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

 

von Pfarrer Robert Foldenauer, Winterhausen, zum Sonntag Lätare 22.03.2020